Mit dreizehn wurde mir das erste Mal klar, dass ich irgendwie anders war. Ich hatte die falsche Jeans und die falschen Schuhe. Das war alles nicht so einfach, den auf einmal gab es in der Klasse 6b ganz neue Regeln. Als ich dann endlich eine Jeans von HIS hatte, war schon wieder eine andere Marke angesagt. Von der Levis 501 träumten alle, auch wenn man sich nicht so recht auf die Aussprache (Liehwais, der eben doch Lewiß?) einigen konnte. Die 501 war sozusagen die unerreichbare Göttin der Jeans und solange wie diese nicht greifbar war, musste eben billigeren Heiligen ein Opfer gebracht werden. Mein alter Grundschulfreund F. kannte sich da bestens aus und setzte zugleich die Standards. Mittags ging ich oft zu ihm, um in der Bravo zu lesen und Roxette zu hören. Der F. hatte eine richtige Stereoanlage. Sogar mit Fernbedienung. Richtig bedienen konnte nur ich die, aber die Coolness dafür hatte nur er. Der F. war auch ansonsten schon ziemlich abgebrüht: Er konnte Sleeping In My Car hören, ganz ohne rot zu werden.
An den Wänden der Traum von Afrika und ein Traum von einem Afrikaner. Afrika ist groß, aber ich weiß, das hier ist Ghana, eines der vielen Länder mit den vielen Sprachen. Auf dem Foto die Band. Junge Männer, dezent gute Muskeln, kein Speck, Haarmähnen, echte Männer eben. Traditionelle Kleider haben sie an und ihre Instrumente dabei. Man kann die weiße Frau hinter der Kamera vermuten, die Frau, die sich in ihren Traumafrikaner verliebt hat, die Fan dieser wundervollen Band ist. Der Traum von einem anderen Leben, wenn man diese Fotos sieht, versteht man ihn sofort.
Es trennt sich die Spreu vom Weizen, bis nur noch ich übrig bleibe. Das Stürmen und Drängen der Zwanzigerjahre eines Lebens ist einer zurückhaltend tobenden Nachdenklichkeit gewichen. Gerade ist wieder einer meiner Freunde dreißig geworden. Jetzt bin ich alt, sagen sie alle. Schleichend hat sich erneut ein Grüppchen abgespalten. Das war schon immer so, schon nach der Grundschule wurden wir sortiert, im Gymnasium sind noch ein paar dazugekommen und rausgefallen, dann das Abitur, danach der Fluch der Freiheit. Die einen werden Ingenieure und Hollywood-Cineasten, die anderen Literaturwissenschaftler und Programmkino-Besucher. Einige entschließen sich, in der kleinen Welt ihrer kleinen Heimatstadt zu bleiben und werden Bankkauffrau. Und jetzt sind wir dreißig und die meisten schon ein paar wenige Jahre im Beruf und es sind schon wieder ein paar weniger geworden, bei denen man sich noch zu Hause fühlt, es hat sich nochmals gespalten: In Spießer und Freigeister.
Des männlichen Brillennerds befriedigend logischer und außerdem mengenbasierter Ansatz zur Erklärung des unerklärlichen Phänomens der Beziehungsanbahnung:
Der A. hatte ein Überlebensmesser. So nannte er das. Es war eine Art moderner Dolch, in dessen Griff sich verschiedene Utensilien befanden. Ein Angelhaken, eine Angelschnur, ein kleines Sägeseil, wasserfeste Streichhölzer. Der Deckel des Griffs selbst war ein Kompass. Der A. war noch nicht ganz pubertär und wollte ein Mann sein. Und wie jeder weiß leben Männer nicht, sie überleben. Der permanenten Gefahr in der Klasse 6b des miserablen Landeier-Gymnasiums ausgesetzt half da nur das Überlebensmesser. Denn dieses Messer war ja auch keine Waffe, mit der man jemandem schaden wollte. Es war nur für den Ernstfall gemacht. Falls der Schulbus auf dem Rückweg in der Tundra stecken bleiben sollte, oder falls man in der Wüste einen Platten hätte. Dass man in der Wüste nicht angeln kann und dass ein Kompass zur Positionsbestimmung nur funktioniert, wenn man auch eine Landkarte hat, das ist eine andere Geschichte.
Je lauter das Leben um einen braust und tost, desto weniger vermag man auf seine innere Stimme zu hören. Die Stimme, die einem sagt, was man jetzt und später braucht, um glücklich zu sein. Auf 886 Meter über Normalnull ist Ruhe. Die große Weite um den Kornbühl gibt einem das Gefühl zurück, ein freier Mensch zu sein.
Paul war fett. Ich war auch als Jugendlicher kein Adonis, aber Paul war fett. Paul war Amerikaner, ich Deutscher. Was uns verband: Wir hatten keine Ahnung. Von der Welt, von Mädchen, vom Leben, von nichts. Und doch sollten es in den anderthalb Wochen von Pauls Aufenthalt die Abstufungen von diesem Nichts sein, die mich nachhaltig beeindruckten.
Paul war Aufsteiger. Soll heißen, seine Familie kam aus ärmeren Verhältnissen, und in den USA kann arm ganz schön armselig sein. Seine Eltern waren also Aufsteiger, aber sie kamen nicht mehr weiter, deswegen musste der fette Paul nun die vielen letzten Sprossen der Leiter alleine hoch, die arme Sau. So kam er also an, Deutschkenntnisse für einen Sechzehnjährigen ziemlich gut, Deutschlandkenntnisse nicht gegeben, aber woher denn auch. Ich wusste ja auch nichts über die Vereinigten Staaten von Amerika. Außer, dass die einen Typen namens George Bush hatten und dass der im Irak mit Kampfjets unterwegs war. Wegen dem Öl, so sagten damals die Erwachsenen, wahrscheinlich wegen dem Öl. Eine Geschichte, die sich wiederholen sollte.
Und dann wedelt dieses Ding vor mir rum. Eine kleine Metallkugel an einem langen elastischen Stab, am anderen Ende ein Griff aus Kork in der Hand der Frau Doktor für Hälse, Nasen und Ohren. Ein Biofeldtest. Ich darf kleine Fläschchen mit Flüssigkeiten halten und Frau Doktor lässt die Kugel schwingen. Wenn die Kugel nickt, dann hat mein Energiefeld zu dem Zeug in dem Fläschchen etwas Positives zu sagen, wenn sie sich links und rechts bewegt, also den Kopf schüttelt, den sie nicht hat, dann ist das negativ. Ganz intuitiv.
Durchs Fenster scheint eine in Schneewatte gepackte Winterwelt herein, die Heizung gluckert leise, der Tee dampft und Rechner spielt meine Lebensabschnittshymnen-Playlist. Doch es macht mir nichts mehr aus. Die schönsten und die schauderhaftesten Erinnerungen, die sich hinter all diesen Songs verbergen, die unerfüllten Liebeleien, die erfüllten Lieben, die zerbröselten Herzen, alles liegt unter dem Schnee der abgefuckten Abgeklärtheit der 30er Jahre eines Lebens.