Meinen Tübinger Lesern muß ich ja nicht viel darüber erzählen. Diese Minderheit kann den einleitenden Absatz getrost überspringen. Für all die anderen sei gesagt: Niemand weiß, wo sie eigentlich herkommt. Die Tübinger Currywurst. Keiner weiß so genau, wer sie an die Wand gesprüht hat. Die Currywurst-Slogans tauchten so nach und nach auf. Der erste von mir gesichtete war wohl »Pinguin iss Currywurst!«. Es wurden immer mehr, an allen Ecken der Stadt. In der Altstadt, an Unigebäuden, sie sind überall. Bisher neueste von mir gesichtete Aussage: »Ach Faläfle, du beleidigte Currywurst!«
Was dabei eigentlich die Aussage oder politische Haltung ist, das läßt sich nur aus Andeutungen erraten. Zunächst wird durch »Igitt! Currywurst mit Schmiss!« Bezug auf die Tübinger schlagenden Studentenverbindungen genommen. Deren Mitglieder sind stolz auf ihre Schmisse, was ein im Süden ansonsten nicht allzu gebräuchliches Wort für Narbe sein mag. Die ziehen sie sich beim Fechten zu. Meist sind diese schlagenden Verbindungen bräunlich-konservativ. »Igitt!« ist wohl genug Ausdruck einer Ablehnung. Man könnte also vermuten, daß die Currywurst-Sprayings eher aus der linken Ecke kommen.
Auch eine gewisse pazifistische Komponente könnte man erahnen, heißt es doch »Currywurst wider Krieg«. Was aber ist mit »Alle naslang Currywurst« oder »Currywurst wird dich erlösen« oder gar »Currywurst macht überglücklich«? Man weiß nichts genaues nicht. Die »Currywurst aus Hundehaar« ist dann doch eher unappetitlich und fügt der Glückseligkeit versprechenden Aura der Currywurst ein paar Schmisse zu.
Einzig die Sache mit der Falafel (»Faläfle«) scheint einen direkten Bezug zu irgend etwas zu haben. Mit »Falafel Statt Bockwurst« nahm eine andere Sprühaktion Bezug auf die Gegenveranstaltung zum Tübinger Naziaufmarsch am 21. Juli diesen Jahres. (Randbemerkung: Wie die Treffer bei Google zeigen haben sich die Medien nicht mit dem Wort
Demo[nstration] abgegeben sondern gleich den Begriff
Aufmarsch aufgegriffen...
nachdem die ca. 230 Damen und Herren Nazis aber von einer sehr übermächtigen Gegenveranstaltung mit 10.000 Personen davon abgehalten wurden, ihr per Gerichtsentscheid durchgesetztes Recht auf eine solche Veranstaltung auch praktisch zu nutzen sollte man vielleicht im Rückblick doch eher von einem Demonstrationsversuch sprechen.)
Die Frage, warum nun die Falafel eine beleidigte Currywurst sein soll kann nur im zeitlichen Kontext eröertert werden: Alsbald, es ist mir unbekannt ob noch vor oder nach der Bockwurst-Geschichte, tauchte ein anderes Spraying auf, das die Falafel als den Feind aller Currywurst bezeichnete. Erst einige Zeit danach konnte man »Ach Faläfle, du beleidigte Currywurst« lesen - ich vermute es handelt sich um eine Reaktion auf die drohende Faust der Falafel.
Vieles bleibt ungeklärt. Was hat der Pinguin mit der Sache zu tun? Die Urheber (Verursacher?) des ganzen sind wohl unbekannt. Schließlich dürfte es sich juristisch gesehen schlicht um Sachbeschädigung handeln. Es bleibt eine Streitfrage, ob es sich dabei um Kunst handelt. Das hängt wohl vom Kunstbegrifff ab. Meiner Meinung nach hat die Tübinger Currywurst eine künstlerische Komponente: Sie erweckt Emotionen im Betrachter, sie rüttelt auf, sie verstört, läßt Menschen nachdenken und sich wundern. Die Eigentümer der besprühten Immobilien sehen das wohl weniger lyrisch, laut
Schäbigem Tagblatt sind bereits 70 Anzeigen bei der Polizei eingegangen. Diese droht mit bis zu drei Jahren Haft und man solle das doch bitte nicht verharmlosen.
Holger hat vor längerem schon
auf die Falafel und die Currywurst hingewiesen.
Gassenhauer 2.0 hat ein ähnliches Motiv fotografiert. Ansonsten spuckt die
Datenkrake aber wenig Nützliches aus. Viele Treffer verweisen auf das X, Tübingens traditionsreichstem Imbiss und auch dem einzigen mir bekannten, der in der Stadt Currywurst verkauft. Aber mit Sprühaktionen hat man dort wohl eher nichts zu tun. Bei
Indymedia finden sich Fotos von Aufklebern mit der Aufschrift »Currywurst gegen rechts« und »Igitt! Grün-weiße Currywurst!«. Meines Erachtens billige Kopien der Geschichte. Bezeichnend für die Linke Szene ist mal wieder ihre übertriebene Abneigung gegenüber den Ordnungshütern (grün-weiß). (Noch eine Randbemerkung: Die echten schlimmen Buben tragen keine Polizeiuniform sondern Anzüge und Krawatten.)
Es ist also gar nicht so einfach mit der Currywurst. Ich habe jedenfalls beim schreiben Hunger bekommen.
Anmerkung: Wer Probleme mit der animierten Wurst hat, der möge sich melden. Das Script ist ganz frisch. Alle Fotos wurden mit meiner mülligen Handykamera fotografiert. Denn die habe ich immer dabei.