Teil 1 | Teil 2
Man kommt an, pünktlich mit dem tschechischen Nobelzug, für den die deutsche unfähige Fahrkartenverkaufstusnelda einem keine Reservierung verschafft hat, obwohl diese Pflicht ist. Pünktlich um 19:30 erreicht man Praha Holešovice. Ein Bahnhof für den Fernverkehr mit drei Bahnsteigen. Also mit sechs Gleisen. In Tschechien geht es immer nur um die Bahnsteige. Gleise sind sekundär. Man latscht in Richtung Ausgang, der mehrsprachig ausgeschildert ist.
Irgend ein Kiosk hat nicht geschlossen. Die dreisprachige Ansage kündigt ein paar Verbindungen an. Meine ist nicht dabei. Der Bahnhof besteht aus einer Art unterirdischen Passage, die von seltsamen Menschen bevölkert ist. Sie haben angegammelte Kleider, die Männer sind Schränke, die eigentlich den ganzen Tag in der Muckebude zappeln müßten. Alle sind naturgemäß ungewaschen. Sie durchsuchen mit Hilfe des Lichtes von Mobiltelefonen zweifelhafter Herkunft die Mülltonnen nach alten Fritten von den
gelben Titten.
Ich finde die Tafel mit den Abfahrten. Eine digitale oder analoge Anzeige jedwelcher Art existiert nur auf dem Bahnsteig, eine Übersicht gibt es im anscheinend fernab vom hübschen Prag liegenden Fernbahnhof Praha Holešovice nur als Papierversion. Mein Zug ist nicht dabei. Statt dessen zur gleichen Zeit ein anderer mit einer Abkürzung, die in der Legende des Plans nicht auftaucht. Ich klopfe an die Scheibe um die Dame in der Wechselstube aufzuwecken. Zu einem miesen Kurs und mit hoher Zuzahlung tausche ich meine letzten tschechischen Kronen um.
Auf dem Bahnsteig ist niemand. Das denke ich zunächst. Doch dann, unauffällig und leise: Sie schleichen herum, wer weiß wie oft sie den Mülleimer dort schon inspiziert haben. Sonst ist niemand hier. Ich bin alleine mit den Schrankwandmobiltelefonmülleimerdurchleuchtern. Dann die erste Reisende. Eine Frau mit Koffer kommt sichtlich verunsichert auf den Banksteig getackt. Der Zug ist pünktlich. Die Ansage dreisprachig. Nach den Erfahrungen mit
deutschen Zügen bin ich nicht sicher, ob ich mich wirklich darüber freue, daß ein altes Monster der Deutschen Bahn AG dem Zug vorgespannt ist.
Ich steige ein. Der Schaffner ist von der deutschen Bahn und sichtlich im Streß. »Nü, drei Wogn waidr«, sagt er mit Blick auf meine Reservierung. Im Bahndeutsch habe ich eine sogenannte »Sleeperette« reserviert. »Der fährt dann etwas langsamer, damit es nicht so holpert.« sagte die Tussnelda beim Ticketkauf. Als der Zug Praha Holešovice verlässt falle ich im reservierten Wagen angekommen fast der deutschen Zugbegleiterin in die Arme. Es holpert gewaltigst. »Ich habe keinen Sitzwagen,« labert sie mir leicht aber merklich alkoholbefahnt entgegen, »nur einen Liegewagen. Legen sie sich einfach irgendwohin, ich komm dann und kümmere mich um sie.«
Unsicher was ich davon halten soll begebe ich mich in ein offensichtlich unbewohntes Abteil des Schlafwagens. Ein nüchterner tschechischer Zugbegleiter fragt freundlich zweisprachig nach meiner Fahrkarte. Aufgrund der neuen Ereignisse ist die Durchsage am Fernbahnhof schon fast vergessen. Die zählte nämlich alle Haltepunkte des Zuges auf. Nur nicht Nürnberg. Da sollte ich um irgendwann gegen vier Uhr morgens aus Bett und Zug fallen. Ich klappe den Mobilrechenknecht auf und fange an zu schreiben. Es holpert immer noch gewaltig. Der tschechische Schnellzug war um einiges ruhiger.
»Das erste Mal ist immer das schönste!« sagte einer meiner Deutschlehrer einmal. Die Fahrt in einem von der Deutschen Bahn als »CityNightLine« verkauften Zug wird er damit wohl nicht gemeint haben.
Obwohl sich das mit etwas Yoga hier in diesem Abteil durchaus verbinden ließe.
Realität: Acht Stunden Affenschaukel ohne Frau.