Kurz nach neun, die Session findet gerade in ihre ersten paar Takte. Das Stromgitarrenmädchen und meine Geringfügigkeit als Bassist betreten das Lokal. Die Bude ist voll, die Bedienungen sind überfordert, die Luft ist feucht und die Kehlen sind trocken. Der Zampano kommt auf uns zu und zückt seine Schreibwerkzeuge. Ja, wir können dann, aber wie, nur Gitarre und Bass, keine Formation, und ihr habt keine Stücke, die ihr unbedingt spielen wollt, also gut in so anderthalb Stunden, ich such euch jemand zusammen. Und so weiter. Er verpasst uns weitere Mitspieler, die darauf bestehen, dass wir in ein Kabuff verschwinden, in dem dann alle unplugged ihre E-Gitarren rausholen und rumdaddeln und nervös rauchen und über Tonarten diskutieren und sich einspielen, einsingen oder einmachen. Drei Stücke werden besprochen, die überwiegend Standard-Blues sind. Eines davon hat ein spezielles Lick, das ich nach zwei Mal Hören nachspielen kann.
Wir sitzen mal hier, mal dort, stehen rum, hören ein bisschen zu, tratschen. Natürlich wird das Stromgitarrenmädchen mit klassischen Rollenbildern beworfen. Ob sie die Sängerin sei, wird sie gefragt. Nein, singen möchte sie nicht. Ja ob sie dann Rhythmus-Gitarre spiele. Nein, sie spiele lieber Solos. Ich als männlicher Bassist habe es einfacher – mir wird hier auch ohne geschlechtliche Vorurteile nicht viel zugetraut. Ich schweige und glotze vermutlich leicht biestig. Hier funktioniert das so: Man muss gleich seinen großen Penis zücken und damit auf den Tisch hauen. Wer nicht gleich markiert, dass er was drauf hat, wird nicht ernst genommen.
Dann sind wir dran. Der Zampano fragt das Stromgitarrenmädchen zwei Mal, ob sie die Gitarre auch wirklich gestimmt habe. Ich stöpsle ein, drehe auf und warte, bis sich das Feld sortiert. Dann geht’s los und der Drummer ist ne geile Sau, der Sänger ist nicht supergeil aber er kompensiert es mit einem großen Schuss Rampensau. Drei Stücke, drei Mal geil, am Ende läuft der Schweiß, die Meute rockt, wir sind alle wieder jung und unbesiegbar.
Das war das Highlight des Abends, sagt mir später einer aus dem Publikum. Ich grinse grenzdebil und denke: Die ganze Paranoia im Vorfeld hätten wir uns schenken können. Wenn ihr uns entweder vertraut hättet, oder aber wenn wir mit unseren Geschlechtsteilen gewunken hätten.