Einfach den Regler hoch. Und dann?Zwei der neueren Blog Posts hier auf Gsallbahdr Zwei hatten folgende Titel:
Mit Titten auf die Kacke hauen und
DrNI – unseen. Der erstgenannte Post ist nichts weiter als ein Pointer auf einen lesenswerten Artikel des Herrn K., in dem er ausführt, man müsse Mist für die Masse machen, um im Internet wahrgenommen zu werden. Der zweite Post stellt meine neue Platte vor. Den Zugriffstatistiken zufolge hat der Post mit dem Wort
Titten im Titel mehr Leser, obwohl er weniger inhaltlichen Nährwert hat: Er sticht mit seiner leichten Unflätigkeit irgendwie aus dem alltäglichen Informationsgrundrauschen heraus. Hier nun also einige Gedanken über das
Us and Them von Künstler und Publikum.
Als Musiker, egal ob im Online- oder Offline-Leben, lebt man auch von der Aufmerksamkeit seines Publikums. Lange vor den Gedanken ans Geld kommt für die meisten Musiker das grundlegende Bedürfnis, gehört zu werden. Rückmeldung zu bekommen, etwas über seine Musik zu erfahren, auf Applaus hoffend. Ob im Internet oder im Kulturcafé, darum geht es zunächst. Spielt man in Locations, die Umsatz machen müssen, zum Beispiel Kneipen, dann wird Aufmerksamkeit auch schnell zum geldwerten Argument: Nur wenn der Laden voll ist, ist die Musik ein kapitalistisch nützlicher Erfolg, und bei aller Kapitalismuskritik, ein Kneiper kriegt seinen Kühlschrank eben auch nicht mit Liebe gefüllt, da muss Geld reinkommen.
Es gibt in deutschen Supermarktregalen, Abteilung Waschmittel, sicher insgesamt zwei Dutzend verschiedene Sorten von Weichspüler. Trotzdem fällt Dir, lieber Leser, nun bei Weichspüler vermutlich der Markenname
Lenor als Erstes ein. Für eine Band ist die Realität leider bitterer als für einen Noname-Weichspüler. Denn wenn der gemeine Musikhörer was aus der Kategorie ›Ballade‹ will, dann fallen dem bestimmt zehn Weichspüler-Sänger ein, und keiner davon ist Deine Band. Deine Band braucht niemand, Deine Musik braucht auch niemand, Dich braucht niemand. Arschteure, probiotische Joghurt-Drinks braucht übrigens auch niemand, und trotzdem kaufen die Leute diese und fühlen sich sogar gut, wenn sie das nutzlose Zeug konsumieren. Der Unterschied zwischen Deiner Musik und einem Joghurt ist im Wesentlichen folgender: Der Joghurt macht Werbung im Fernsehen.
Es geht meiner Meinung nach nicht nur um das Internet,
wie Herr K. so flapsig wie detailliert ausführt. Es geht um unser modernes Leben an sich. Wir werden täglich zugeschissen mit Information. Wenn wir Jobs mit Köpfchen haben, dann verarbeiten wir täglich tonnenweise Zahlen, Fakten, Anweisungen, und so weiter. Wenn wir Jobs ohne Köpfchen haben, dann hören wir nebenher irgend ein
Formatradio, das mit
Loudness-Maximizern, schneller gespielten Liedern und rausgeschnittenen Gitarrensoli um die Aufmerksamkeit der Ohren buhlt. Das Internet macht es nicht besser. Einerseits sind wir nun endlich frei, uns nur noch die Information reinzutüten, die uns auch wirklich interessiert, andererseits verlangt das von uns auch, unsere eigene Redaktion zu sein und alles selbst zu sortieren. Das ist zum einen viel Arbeit, zum anderen hält es uns auch in unseren Interessen gefangen; da wir immer nur nach dem suchen, was uns eh schon gefällt, haben neue Impulse von außen wenig Chancen durchzukommen.
Werbung nervt, das weiß jeder, der eine Glotze hat oder ohne AdblockPlus durchs Web braust. Sollen wir uns als Musiker als einreihen in die lange Linie der grafisch wie akustisch brüllenden Nervensägen? Zumal wir darin keine Profis sind, also können wir es doch nur schlecht machen? Außerdem haben wir keine Kohle, wie also im Aufmerksamkeitskampf bestehen neben zahlreichen mittelmäßigen aber gut beworbenen Musikern, die wir nur leicht müde belächeln können, wie zum Beispiel den im Verkaufsfernsehen omnipräsenten
Amigos, die in der Waschmaschine Lenor mit Links schlagen würden?
Die Lösung der Werbetreibenden liegt auf der Hand: Werbung ist dann nicht lästig, wenn sie wirklich interessiert. Das ist das Modell von Google, das ist auch das Modell von Facebook. Und am Ende ist das auch das Modell für die Künstler: Mit Facebook-Seiten, E-Mail-Newslettern und Ähnlichem können sie versuchen, die Menschen zu erreichen, die sich wirklich für die entsprechende Musik interessieren. Die Balance zwischen Nerven zersägen und dem Gemüt schmeicheln ist dabei nicht immer leicht zu finden. Der eine mag sich über Weihnachtsgrüße seiner Lieblingsband freuen, der andere sortiert sie gedanklich rasch in die Schublade der gefühlt tausend Firmen, die Weihnachten nur als Vorwand benutzen, um für ihre meist nutzlosen Produkte zu werben. Wie kann man also den Aufmerksamkeitsdeckel der Leute durchstoßen? Eine einfache Antwort gibt es wohl nicht.
Natürlich gibt es einen Traum: Man müsste einfach so gut sein, dass man alle Zuhörer sofort in seinen Bann zieht. Schlecht wäre das natürlich nicht, aber am Ende geht es um das Erreichen und Begeistern der passenden Rezipienten. Schon wenige Meter abseits des Mainstreams hat man seine Mühe damit. Gute Musik zu machen ist dabei die halbe Miete. Aber eben nur die halbe.