»In Deutschland, da red'mer Deutsch!« Das kläfft er lautstark und in einem schwer in der Schriftsprache zu dokumentierenden Sächsisch und adressiert es an die zwei Polen, die sich gerade untereinander etwas auf Polnisch zugerufen hatten. Davor hatte der eine mit mir Deutsch geredet, der andere Englisch. Viel verstanden habe ich nicht, was aber nicht den Sprachkenntnissen der Polen geschuldet war sondern vielmehr deren Alkoholpegel.
»Saufen tun'se, die haben schon die dritte Flasche Wodka drinne. Und klauen,« so echauffiert sich der Sachse weiter. »Jaja, die Vorurteile,« kommentiert der Sänger sarkastisch, wie wir so draußen stehen in der Pause unseres Konzerts. Drinnen ist Raucherkneipe, also so verraucht, dass man zum Rauchen lieber raus geht, wo es schon unter Null hat. Aber ein bisschen klare Luft muss sein, im Vorbeigehen die immer mehr stinkende Jacke aus der Garderobe geschnappt und erst mal ein bisschen auffrischen.
Zumindest diese Polen an diesem Abend saufen massiv. Im ersten Set fröhliches Mitwippen derer, die hier jenseits von irgendwo tatsächlich wegen uns gekommen sind. Im zweiten Set überwiegen die lautstarken Trinker. Es fliegen ausgelutschte Kaugummis auf die Bühne. Besoffene stolpern auf die Bühne und grabschen in die Saiten. Mit besoffenem Nachdruck verlangen einzelne Songs von Bands, deren Namen wir noch nie gehört haben. Die Polen sind nun dicht wie deutsche U-Boote. Eigentlich ist es nun egal, was man spielt. Hauptsache Party. Unkoordiniertes Tanzen, jemand stolpert über eine Monitorbox, Gläser gehen zu Bruch, auf dem Klo wird gekotzt.
Eigentlich soll eine Band gute Musik machen. Aber an diesem Abend kommen die erweiterten Kompetenzen mal wieder zum Einsatz: Wir müssen die Meute in einer Art und Weise zufrieden stellen, die verspricht, dass möglichst keine Schlägerei ausbricht. Noch ist die Meute nicht so besoffen, dass sie ihre Bewegungen nicht mehr koordinieren kann. Abgehen ist erwünscht, aber doch auch wieder nicht zu sehr. Hier empfiehlt es sich wie üblich als letzte Zugabe einen Downer zu spielen, etwas langsames. Diese Meute aufgeheizt zu hinterlassen würde großen Stress beim Abbau bedeuten.
Den haben wir auch so. Prompt kommt ein vollbesoffener Vollhonk auf die Bühne und will Cajon spielen. Beim Abbau. Er fällt hinterrücks von unserem Cajon-Podest und wird von drei Bandmitgliedern gerade noch gefangen, bevor er mit dem Hinterkopf auf einer Tischkante aufschlägt. Ein vor dem Podest abgestellter LED-Scheinwerfer wird vom Fuß des Saufis verbeult. Später fällt der Herr auf den Boden, kann nicht mehr selbstständig auf einem Stuhl sitzen, wirft brennende Kippen durch die Gegend und trinkt dazu Wodka mit Red Bull. Allein ist er mit diesem Verhalten an diesem Abend nicht.
Auf Anstand kann man jetzt nicht mehr bauen, es darf kein Equipment beim Auto alleine gelassen werden, auch die Materialsammlung auf der Bühne darf nicht allein sein. Wir haben da eine gewisse Routine. Zügig packen wir das Zeug in die Autos. Einmal Rundgang durch die Besoffenen, liegt noch was rum? Wir verabschieden uns vom leicht überforderten Kneiper, ich schnappe meine Jacke aus der Garderobe… vielmehr, will meine Jacke schnappen, denn die ist weg.
Gemütlich marschiert er gerade von dannen, der dicke Pole, seine Jacke hat er an, meine unter dem Arm. Ich tippe ihm auf die Schulter, ahnungslos und glücklicherweise rotzesternhagelvollbesoffen guckt er mich an. »Is meine,« sage ich und nehme ihm die Jacke ab. Er glotzt nur. Zu besoffen, um überhaupt zu reagieren. Nun haben wirklich alle die Schnauze voll vom vorsichtigen Umgang mit diesen volltrunkenen Gestalten. Schnell in die Karre und bloß weg.
Der Harper chauffiert mich durch die schwarze Nacht über die schwäbische Alb und ich träume davon, in einer Band zu spielen, in der man vor und nach dem Gig backstage herumgammelt und Krabbenhäppchen in sich schaufelt, während Profis die Bühnentechnik machen und Schrankwände aus der Klasse der Genicklosen die Pöbelnden mit faustdicken Argumenten in Schach halten.
Im Nachhinein betrachtet ist die Musik des Abends fast in Vergessenheit geraten.