Vor zwölf Jahren habe sie dieses Stück Land gekauft, erzählt mir Sandra. Es gießt in Strömen, wir sitzen unter dem Dach an einem Klapptisch, der alte Husky döst zu unseren Füßen, zwei Hühner haben sich unter der Kreissäge neben uns niedergelassen. Aus dem Ofenrohr von Sandras Baracke steigt eine kleine Rauchfahne auf. »My family keep telling me I should buy a house and get a life, but then I'd have to go to work.« Sie und die anderen Aussteiger leben lieber hier oben, hoch über Loch Ness auf Sandras nassem Stück Land. Gräben haben sie gezogen, um das Fleckchen Erde etwas trockener zu bekommen. Wir sollen unsere Lebensmittel verpacken, die Schweine seien ausgebüchst und irgendwo auf dem Gelände unterwegs.
Es ist ein sehr bodenständiges Leben hier oben. Das Wasser aus dem Tümpel muss abgekocht werden, die Wäsche wird im Zuber mit Regenwasser gewaschen, in der Küche wird mit Holzfeuer gebacken und gekocht. Im Ofen wird verheizt was von Sandras Partner und Holzfäller-Erscheinung Howie selbst gefällt wurde, die alten krummen Stumpen aus dem Moor landen im Lagerfeuer. Die
Dry Composting Toilet verwertet, was der Mensch so von sich gibt. Auf den fruchtbareren Fleckchen wachsen Salatköpfe, mit Gitterkörben vor Tieren gesichert.
Auf dem
Great Glen Way wird der Wanderer irgendwann von zahllosen Schildern überrascht, die ein Café und eine Campsite ankündigen. Mitten im Nirgendwo lädt die schottische Flagge auf den Pfad zur
Abriachan Campsite ein. So haben sie ihren Campingplatz genannt, die Gegend heißt so, oder das
Dorf, das aus vielen weit in der Gegend verstreuten kleinen Höfen und ein paar bonzigen Landhäusern besteht.
Auch als Aussteiger muss man gelegentlich in die Zivilisation, dort hin wo alles Geld kostet. Geld bekommt man wohl am besten von denen, die dieser Zivilisation nur zeitweise entfliehen. Ein Glück, dass der nasse Fetzen Schottland direkt an diesem Fernwanderweg liegt. So sitzt man also im Nirgendwo an der Kreissäge und Sandra serviert guten Kaffee und großzügig belegte Brote. Eier zum Frühstück? »If you see an egg nest, just tell me.« Es gibt, was wächst. Nur der frisch gepressete Orangensaft hat wohl etwas mit Importen zu tun.,
Sandra erzählt mir von ihrem Traum. Sie möchte einen See haben mit einer Insel. Und ein Ruderboot, mit der sie zu ihrer Insel fahren kann. Der Bagger steht schon bereit und nach dieser Nacht wird klar, dass ein See nicht nur ein Traum wäre. Der Regen wird stärker und hört einfach nicht mehr auf. Als die Pfütze im Zelt zu groß wird, krieche ich raus. Es ist früh und die Welt steht unter Wasser. Mehr Entwässerungsgräben müssten her, Wasser genug gibt es allemal.
Sandra verabschiedet uns mit vielen warmen Wünschen in die nasse Kälte. Es regnet immer noch, Sandra strahlt immer noch. Für ihre Träume nimmt sie ein hartes Leben in Kauf. Aber dass für sie die Bilanz stimmt steht ihr ins Gesicht geschrieben. Wir kämpfen uns im Regen ein paar Stunden lang durch bis zur A82, wo wir als stinkendes nasses Pack von einem Linienbus aufgelesen werden. Am Abend hat uns die Zivilisation wieder, und sie hat uns auch gleich am Arsch: Die Übernachtung im Bed & Breakfast strapaziert die Reisekasse deutlich spürbar.
Eine heiße Dusche, ein weiches Bett, wie wundervoll. Wir machen die Glotze an und sehen, wie in London ganze Straßenzüge brennen. »Riots continue,« so erfahren wir einigermaßen fassunglos. Es gibt wohl verschiedene Arten, etwas aus seiner Unzufriedenheit mit der Zivilisation zu machen. Man muss vermutlich nicht in ein Moor ziehen und Selbstversorger werden. Vielleicht gibt es mehr Möglichkeiten als man denkt. Auch friedvolle.