
Vom Ende der Signalkette zum Anfang. So macht man das beim Ausschalten der Beschallungsanlage, damit nichts ploppt und damit die Lautsprecher gefährdet. Die Topteile zuerst, dann den Subwoofer, dann die Monitoranlage, Mischpult. Das Konzert war gut, wir sind alle durchgeschwitzt, haben uns schon etwas erholt und jetzt kommt nochmal eine Stunde Aufräumen auf uns zu. Ich schalte ab. Die Anlage ist gerade aus, andere wickeln die ersten Kabel auf, da steht sie neben mir. Klein, jung, rosa, betrunken. Ob es möglich wäre, ein Lied Karaoke zu singen. Sie seien ein Jungesellinnenabschied. Mein Blick fällt auf weitere rosa Mädels, alle so um die zwanzig Jahre jung, mit sich führen sie Kondome und anderes akut nicht benötigtes Zeug und gerade kippen sie sich einen Meter Schnaps rein. Bei Karaoke denke ich an so eine Halbplayback-CD. Doch sie, die mich konsequent siezt, denkt dabei an die Band, die gerade aufräumt. Gefordert wird Volksmusik. Können wir nicht, brumme ich. Ungläubiger und enttäuschter Blick. Das Banner mit unserem Slogan
Blues and More hängt noch. Ich verweise auf die Haus-Anlage, da kann man ein Mikro anschließen. Unser Sänger lässt die Kinderinnen dann gnädig in das seinige spucken. Sechsstimmig falsch grölen sie mit DJ Ötzi
Ein Stern, der deinen Namen trägt. Mir tut es ein bisschen Leid um die Volksmusik, die hier erneut mit volkstümlichem Schlager verwechselt wurde. Doch alsbald überwiegt mein eigenes Leid, denn danach kommt
Max don't have Sex with your Ex von den längst in der Bad-Taste-Schublade der 90er verrotteten e-Rotic.
Es geht eben nichts über ein aufgefrischtes Trauma, eine kleine alte Narbe, in der jemand mit dem dreckigen Taschenmesser ein bisschen herumpuhlt. Heute werden wir zwar seelisch malträtiert, aber wenigstens wollen sie uns nicht an die Kohle. Wer mal von einem Jungesellinnenabschied um die Gage betrogen wurde, der hat eine gewisse Abwehrhaltung gegenüber derartigen Wanderseuchen. Das war nämlich damals so, also damals als die Narbe entstand: Wir machten gerade Pause, da kam eine Horde Kinderinnen rein – Farbe habe ich vergessen – und wollte unbedingt etwas singen. Wir gaben ihnen ein Mikrofon, sie gröhlten ein Minütchen der Grausamkeit lang herum und dann, dann kam der Clou: Für diesen halben total falsch gesungenen Song gingen sie herum und sammelten Spenden. Und bekamen Spenden. Und das war eigentlich unser Plan für den Abend gewesen, so nach etwa 15 bis 20 Songs in der zweiten Hälfte für diese Leistung einen Hut herumzureichen. Doch das konnten wir ab dem Moment natürlich vergessen.
Dieses Mal bleiben uns der musikalische Schreck und ein paar Kondome. Die Mädels sind weg, die Gage ist unser. Dann läuft Placebo, das ist schon näher an meiner Stille als der Ötzi. Am nächsten Tag immer noch die Frage in meinem Kopf: Warum denken Leute, dass eine Bluesband sich gewillt und befähigt zeigen sollte, volkstümlichen Schlager zu spielen? Das gilt doch gemeinhin als musikalische Prostitution, ist ergo also nur für ausreichend Schotter zu haben, falls überhaupt.
Gummis für die Band gab es ja immerhin schon mal. Play safe. Play Blues.