Man kann aus verschiedenen Gründen zu Jam-Sessions gehen. Aber im Grunde gibt es nur zwei: Zum Zuhören und zum Mitmachen. Zu den guten Sessions geht man gerne zum Zuhören hin. Zu den richtig guten Sessions zum Zuhören und zum Mitmachen. Zu den schlechten Sessions nur zum Mitmachen, und zu den ganz schlechten weder zum Mitmachen noch zum Zuhören. Eigentlich ist das alles, was es über Sessions zu sagen gibt. Fast alles.
Irgendwas treibt einen dann doch immer wieder hin, man sitzt dann da als Ex-Raucher im heftigen Qualm der anderen, dann spielt man vielleicht sogar mal, und was die anderen so spielen ist auch nicht spannender. Später kommt Supergirl reingeschneit, aber in diesem Stadium der Veranstaltung müsste man schon um einen Platz auf der Bühne kämpfen. Also keinen Eindruck schinden bei ihr. Noch ein Bier. Vielleicht schenkt sie mir ja ein Lächeln. Dann könnte ich ins Tagebuch schreiben: Drei Songs gespielt, ein Bier dafür bekommen, aber vor allem ein Lächeln von Supergirl. Ein guter Tag. Ich warte auf das Lächeln. Von der Bühne schwappt
Rote Lippen sind zum Küssen da und der Konflikt mit dem Intellekt pflügt Furchen des Schmerzes durch meine Stirn.
Die Bühne dominieren derweil die Sänger. Sie bestimmen, was gespielt wird. Schlager, Kram aus den 60ern, all das, was schon lange keiner mehr hören will. Aufatmen bei einem gescheiten Blues. Wenn die Sänger gnädig sind, dann geben sie sich selber ein Solo auf ihrer Gitarre. Wenn sie noch gnädiger sind – oder Pädagogik studiert haben – dann bekommt der Rest der Band auch mal ein Solo. Der Bassist ist in diesem Schauspiel ein Mitmacher. Man kann nicht ohne ihn, aber man kann nur mit ihm, wenn er sich freundlich anpasst. Ihm die Tonart oder gar Akkordfolge mitzuteilen wird für nicht nötig befunden, denn alle Bassisten sind ja sowieso gescheiterte Gitarristen (zu viele Saiten, simplify your life, play bass) und als solche können sie ja beim Sängergitarristen einfach vom Griffbrett ablesen. Ich nicht.
Die anderen Mitmacher sind die Keyboarder. Im Jazz werden sie gleich zur
Rhythmusgruppe mit dazugerechnet. Der Pianist als so eine Art Schlagzeuger oder Bassist. Das sind die drei, die noch nicht so lange von den Bäumen runter sind, die machen nur Bumm Bumm. Sitzen hinter den Bläsern, die eine flotte Textur herunterdudeln und dabei von John Coltrane träumen. Ich spiele Klavier und Bass. Meist nicht gleichzeitig. Merkt aber auch keiner. Ich bin die Typen im Hintergrund. Im nächsten Leben werde ich singender Gitarrist. Aber Gitarren, tja, da bin ich noch nicht mal gescheiterter Gitarrist, ich kann einfach mit diesem filigranen Scheiß nicht umgehen.
Ich fliehe. Supergirl zeigt sich unheiter ob meines Abgangs. Ich fliehe trotzdem. Oder deswegen? Ein eitler Traum, dass man nur vermisst und schätzt, was man nicht hat.
Viel zu früh zu Hause und der Whiskey schon fast leer.