Verwahrlosung, akademische Symptom der Krankheit →Scienceheimer. Menschen mit ~ fallen durch ungepflegtes Äußeres auf, dazu gehören ungewaschene Haare, überdurchschnittlich starker Schweißgeruch, klauenartige, ggf. pilzbefallene Finger- und Zehennägel. Der eigene Zustand scheint Menschen mit ~ generell nicht gegenwärtig zu sein. Nicht befallene Mitmenschen halten sie für gewöhnlich mit ungepflegten Zähnen und Mundgeruch auf Abstand.
Me and my Drummer, das sind Charlotte Brandi am Gesang und an den Tasten sowie Matze Pröllochs an dem Drums. Eine nicht ganz gewöhnliche Kombination, die sich am Landestheater Tübingen irgendwie gefunden oder erfunden hat. Und was machen die jetzt so? Ich vermute, das heißt mal wieder Pop. Charlottes eingängigem Gesang und Matzes präsenten Drums wird man sich wohl auch auf dem in zwei Wochen erscheinenden Album The Hawk, The Beak, The Prey schlecht entziehen könnten, doch davon gibt es bis jetzt nur einen Teaser. Schon die erste Single der beiden ist ein ziemlicher Renner: Minimalistisch kommt das Stück You're A Runner mit Gesang, Drums und Orgel aus. Langsam gewinnt es an Intensität, nimmt Fahrt auf, wozu sich die Figuren im Video mit wachsender Begeisterung mit Lebensmitteln bewerfen und Dinge zerstören. Bei all dem bleibt das Stück eine schwebende Hymne. Hört mal rein:
»Sie stand vor mir wie ein Broiler, schön braungebrannt und ganz enthaart, einfach dufte.«
Aus: Tom Müller – Pioniere. Erschienen in ]trash[pool, 1. Ausgabe
Langsam schraubt sich das Wohnmobil die engen Kurven des steilen Sträßchens hinauf. Dann, nach einer Kurve, taucht im dichten Morgennebel plötzlich eine Autobahn-Unterführung auf. Innen ist sie betoniert, außen mit rotem Sandstein verkleidet. Einsam und allein steht sie hier oben mitten im Wald hoch über dem Sinntal. Wo heute der Hund begraben ist und kein Handy so recht Empfang hat, waren einmal bis zu 4500 Arbeiter damit beschäftigt, die Strecke 46 aus dem Boden zu stampfen, ein Stück Reichsautobahn von Bad Hersfeld bis Würzburg. Fertig wurde die Autobahn nie und wo einst Bauleiter Fritz Todt vom »Autowandern« schwärmte, wandert man heute mit festem Schuhwerk zu Fuß – mitten auf der Trasse.
Pils, mit Blume. Er wischte sich den Schaum von der Oberlippe, drehte das Glas mit der Aufschrift zu sich und tat, als vertiefe er sich in das Logo und den Namen der Brauerei. So ist das also, wenn man mit sich selber weggeht. Das Bier schmeckt nicht so gut wie zu zweit. Wenn man zum Rauchen rausgeht, dann ist die Kälte noch kälter, in der man steht, weil man sich für die sieben Minuten Zigarettenlänge ja keine Jacke anziehen möchte. Nicht zu viel Trübsinn blasen, so platzte eine Gedankenblase gegen seine Schädeldecke und er blickte auf, wenn auch nur um wo anders hinzublicken, und weiter auf und in der nahen Ferne verfing sich sein Blick in einem Regal voller Spirituosen, deren Namen ihm nicht alle bekannt waren. Neue Logos und Namen gab es dort zu studieren. Wer war wohl auf die irrige Idee gekommen, einen Likör schlicht 43 zu nennen? Und wie mochte dieses Gesöff eigentlich schmecken? Und wie sahen die Leute aus, die 43 bestellten? Dann ein Profil, genau zwischen Lagavulin und Tullamore Dew. Wohlsortierte Frisur, der aktuellen Mode gemäß, Makeup zumindest in diesem schummerigen Licht dezent, Lippenstift sehr rot, Wimpern vermutlich gepimpt.
Seit Wochen liegt hier das Buch Beschleunigung von Hartmut Rosa. Der Klappentext fängt an mit: »Wir haben keine Zeit obwohl wir sie im Überfluss gewinnen.« Und was ist? Ich hab jetzt gerade echt keine Zeit, das zu lesen!
»Lily ist ein Vagabund«, singt Cäthe. Das wusste Candy Dulfer schon in den 80ern, da war Lily auch schon über alle Berge mit Lily was Here. Vermutlich ging's auch nicht um die selbe, eine von all den Lilys ist jedenfalls wieder da: Mit Wunderbare Katze und Lily is Back. Die aus Brackenheim bei Heilbronn stammende Kapelle besteht nicht aus Katzen, auch Frontfrau Gudrun ist nicht die Katze, vielmehr benannte man sich nach einem Buch mit Zen-Texten mit eben diesem Titel: Wem das nun leicht eigenwillig erscheint, der ist auch schon auf dem richtigen Weg. So recht will mir keine Schublade einfallen, außer irgendwie vielleicht eigenwilliger Pop. Das fängt schon beim Sound an: Gitarrist Maiki Mai hat auf der Bühne mehr Effekte auf dem Brett als Finger zum Spielen, setzt diese aber gekonnt und songdienlich ein. Sängerin Gudrun Mohacsi begnüngt sich mit einer kleinen Allzweckwaffe, die auch diesen verspulten Vocal-Sound im Video auf der Bühne verfügbar macht. Als Special Guest kann man die Band unter anderem mit Jörg Bielfeldt erleben, der die Bass Drum wie einen Waschzuber vor sich sitzen hat und sie mit Sticks und anderen Werkzeugen spielt, selbst auf einer Cajon sitzend, dabei noch diverse andere Percussion bedienend. Und zwischendrin wird alles dann doch wieder ganz klassisch mit Akustik-Gitarre. Von Disco-Beats bis hin zu arabischen Einflüssen – natürlich mit Oud – erlebt man hier eine Bandbreite, die sich nur ungern in Worte fassen lässt. Bei allem bleibt das Ergebnis aber meist doch gefällig. Am Ende hilft nur Reinhören! Hier nur eine der vielen Spektrallinien, die das Prisma der Wunderbaren Katze an so einem Abend wie dem gestrigen im Tübinger Schloßcafé ins Publikum wirft:
»Ich führe jetzt ein technologiearmes Leben«, sagt er und kuckt mich irgendwie verstrahlt an. Ich weiß nicht ob sein Blick eine Reaktion auf meinen ungläubigen Blick ist, oder ob ihn sein neues Leben einfach glücklich macht, oder ob er was geraucht hat. Dann tauschen wir Adressen aus. Also solche ohne Klammeraffe: Name, Straße, Postleitzahl, Ort. Wie es sich herausstellt besitzt mein entfernter und technologiearmer Bekannter durchaus einen CD-Player, mit dem er meine Musik anhören kann. Aber Internet und Mobiltelefon verweigert er, Computer sowieso. Nach dieser Begegnung lässt er mich nie mehr ganz los, der Gedanke an das technologiearme Leben, das ich selbst so gar nicht führe. Zeit für ein bisschen Kulturpessimismus. Anfangen möchte ich mit der Uhr, enden mit dem modernen Internet. Zeit für Apokalypse, jetzt.